Artikel getaggt mit Sumud

Wer zuerst heult

Wie John Garang die Leidensfähigkeit des südsudanesischen Volkes erklärt.

“Ihr im Westen versteht uns nicht”, habe ich in der vergangenen Woche bei Gesprächen mit südsudanesischen Politikern und Diplomaten mehrmals gehört, wenn es darum ging, warum die Regierung im Streit mit dem Sudan so einen kompromisslosen Kurs fährt. Sie dreht sich selbst den Ölhahn ab, um die Sudanesen im Norden zu ärgern. Das schadet zwar tatsächlich auch dem Sudan, aber die südsudanesische Bevölkerung leidet weitaus mehr. Der Hunger nimmt drastisch zu. Imporierte Lebensmittel werden immer teurer, und die Regierung muss ihre ohnehin bescheidenen Leistungen für die arme Bevölkerung immer weiter zurückfahren.

Dennoch ist die südsudanesische Führung überzeugt, auf diese Weise den Konflikt mit dem Norden zu gewinnen. Denn das eigene Volk könne mehr Leiden ertragen als der Feind. In Juba wird dazu eine eigentümliche Geschichte erzählt: Jemand habe einmal den legendären Rebellenführer John Garang gefragt, was einen echten Mann und Krieger ausmache. Darauf habe Garang folgende Probe vorgeschlagen: Die beiden steckten sich gegenseitig einen Finger in den Mund und bissen so kräftig wie möglich zu. Der Typ, der gefragt hatte, jaulte bald auf, aber Garang ertrug den Schmerz  schweigend, obwohl der andere voll zubiss. Das Ertragen von Leiden, so Garang, mache einen Kämpfer aus – mehr als die Stärke. So führte Garang die Südsudanesen im Bürgerkrieg trotz unglaublicher Verluste von 2,5 Millionen Menschenleben (allein auf der Seite des Südens) zum Sieg über die technisch weit überlegenen Streitkräfte des Norden.

Auf die heutige Situation übertragen heißt das, die Südsudanesen sind überzeugt, im Kampf ums Öl länger durchzuhalten, auch wenn bei ihnen Menschen wegen des Ölboykotts verhungern, während der Boykott im Norden weit weniger dramatische Einschnitte zur Folge hat. Die im Norden heulen aber schon, so die Logik, wegen ein paar Einschnitten bei staatlichen Subventionen, während die Südsudanesen stoisch auch die schlimmste Hungersnot ertragen.

Das arabische Wort, das im Südsudan für dieses Konzept verwendet wird, ist ”Sumud”  (صمود), das man auch oft in Palästina hört: das Durchhalten und Nicht-Weichen wie groß der Leidendruckund wie gering die Chancen auch sein mögen. Die südsudanische Logik ähnelt ja auch derjenigen mancher Milizen im Gazastreifen, die immer wieder mal einen “Sieg” verkünden, wenn sie zig Raketen auf Israel geschossen und vielleicht einen Menschen verletzt oder getötet haben, während bei israelischen Vergeltungsangriffen Dutzende Palästinenser starben.

Dieses Konzept bleibt für Westler tatsächlich kaum nachvollziehbar, auch wenn man’s verstanden hat.

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