Artikel getaggt mit Muslimbrüder
Die Naivität der Muslimbrüder
Veröffentlicht von nahostpost in Ägypten, Kommentar am 21. Juni 2012
Mein Kommentar aus der FTD zum unglaubwürdigen revolutionären Gehabe der Muslimbrüder in Ägypten derzeit.
http://www.ftd.de/politik/international/:aegypten-die-naivitaet-der-muslimbrueder/70052172.html
Die Islamisten glaubten, sie könnten sich mit den Militärs die Macht einvernehmlich teilen. Doch sie wurden ausgetrickst – und merken es nicht einmal.
Vielleicht glauben die Muslimbrüder ihren starken Worten, ihrem “Bis hier und nicht weiter!” gegenüber dem Militär ja selbst. Sie wollen die “glorreiche Revolution” und den “Willen des ägyptischen Volkes”, der sich in den Siegen der Bruderschaft bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen ausgedrückt habe, mit allen Mitteln schützen, verkündet ihre Spitze. Daher etwa führte der Muslimbruder Parlamentspräsident in einer Geste des Widerstands einige Abgeordnete zum Gebäude des Unterhauses, das das Verfassungsgericht aufgelöst und das Militär abgesperrt hatte.
Der ägyptische Präsidentschaftskandidat der Muslimbruderschaft Mohammad Mursi bei der Stimmabgabe am 16.06.2012 Glaubwürdig ist die Pose der Muslimbrüder als Hüter der Revolution gegenüber der Militärjunta nicht. Die meiste Zeit in ihrer über 80-jährigen Geschichte wurde die größte islamistische Bewegung der Welt in ihrem Mutterland vom regierenden Militär verfolgt. Doch nach der Revolution, an der sie selbst kaum beteiligt waren, hatten die Muslimbrüder nichts Besseres zu tun, als sich ebendiesem Militär als Partner anzudienen.
Die Islamisten hofften auf eine einvernehmliche Machtteilung. Doch spätestens seit der Auflösung des von ihnen beherrschten Parlaments in der vergangenen Woche ist klar, dass die Generäle die Naivität der Brüder schamlos ausgenutzt haben. Sie denken nicht daran, irgendjemandem auch nur einen Zipfel der echten Macht im Staat zu überlassen – und den Islamisten schon gar nicht. Nach der Revolution im Januar und Februar vergangenen Jahres schien vielen Beobachtern die Übernahme des ganzen Staates durch die Muslimbrüder unausweichlich. Vor allem die Führung der Bruderschaft selbst war überzeugt, dass es in Ägypten nur zwei Alternativen gebe: sie selbst und das Militär. Von der Aussicht, die ganze Verantwortung – etwa für die unangenehme Aufgabe, die Grenze zu Israel und dem Gazastreifen schützen zu müssen – zu tragen, waren sie allerdings gar nicht begeistert. Zudem hatten sie Angst vor einer gemeinsamen Front des Militärs, der säkularen Opposition und des westlichen wie des arabischen Auslands gegen sich, sollten sie zu viel Macht anhäufen.
So versuchten die Muslimbrüder von Beginn an, alle zu beschwichtigen. Den säkularen Kräften und der christlichen Minderheit etwa versprachen sie, nur für einen kleinen Teil der Parlamentssitze kandidieren und auf keinen Fall die Präsidentschaft anstreben zu wollen. Beide Versprechen sollten sie später brechen.
Vor allem aber unterstützten sie das Militär, wo sie nur konnten. Sie brachten etwa im März vergangenen Jahres die Mehrheit des Volkes dazu, für die vom Militär entworfene und auf dessen Bedürfnisse zugeschnittene Übergangsverfassung zu stimmen. Als Gegenleistung boten die Generäle an, den Islam als Staatsreligion in der Verfassung zu belassen. Das stand zwar nie ernsthaft infrage, aber die Muslimbruderschaft konnte sich so als Hüter der “islamischen Identität” Ägyptens präsentieren.Im Herbst, während junge Revolutionäre zu Dutzenden bei Protesten auf dem Tahrir-Platz getötet wurden, ließen sich die Muslimbrüder und ihre Freiheits- und Gerechtigkeitspartei vom Militär mit der Aussicht auf die Wahlen im Winter und auf eine Mehrheit im Parlament hinhalten. Die Mehrheit bekamen sie, doch das Militär weigerte sich, dem Parlament nennenswerte Befugnisse zu übertragen.
Statt daraufhin zu erkennen, dass sie ausgetrickst worden waren, und gegen das Militär zu opponieren, stiegen die Brüder in die nächste Runde des Spiels ein: die Präsidentschaftswahl. Von der Aussicht, das höchste Staatsamt zu gewinnen, waren sie so überwältigt, dass sie in der vergangenen Woche tatenlos hinnahmen, wie das dem Militär hörige Verfassungsgericht das gewählte Parlament auflöste. Andere Parteien in anderen Ländern hätten wahrscheinlich zum offenen Aufstand aufgerufen, wenn das Militär ihr Parlamentsgebäude besetzen und schließen lässt. Nicht so die Muslimbruderschaft. Jegliche Unruhe hätte ja die Endrunde der Präsidentschaftswahl wenige Tage darauf gefährdet, und die Brüder wollten die Chancen ihres Kandidaten Mohammed Mursi nicht aufs Spiel setzen.
Heute ist klar, dass auch dies ein Trick des Militärs war. Selbst wenn die Oberste Wahlkommission am Donnerstag Mursi den Wahlsieg zusprechen sollte, hat das Militär mit einer neuen Verfassungsergänzung schon dafür gesorgt, dass es die eigentliche Macht behalten wird. Mehr zum Thema
Überraschend an der Restauration der Diktatur in Ägypten ist nicht, dass das Militär versucht, seine Macht zu erhalten. Überraschend ist, wie die Muslimbrüder, seine einst erbitterten Gegner, ihm dabei helfen.
Jetzt reicht’s, heißt es derzeit wieder einmal bei den Muslimbrüdern. Wenn sie es jedoch ernst meinen, gibt es für sie nur eine Möglichkeit: Mursi darf die unwürdige Präsidentschaft von Gnaden des Militärs nicht antreten und muss mit den anderen Parteien und revolutionären Gruppen eine gemeinsame Oppositionsfront bilden. Nimmt er das Amt an, dient er lediglich weiter als erbärmliches Feigenblatt der Militärdiktatur.
Die Erfahrung des letzten Jahres lehrt jedoch, dass die Muslimbrüder die Falle auch dieses Mal erst bemerken werden, wenn sie zugeschnappt sein wird. Der Militärrat hat den Köder schon ausgelegt und eine “große Zeremonie” zur Amtseinführung des neuen Präsidenten versprochen. Welche Oppositionsbewegung, die jahrzehntelang grausam verfolgt wurde, könnte da widerstehen?
Wahlnacht bei den Muslimbrüdern
Veröffentlicht von nahostpost in Ägypten am 19. Juni 2012
Die Nacht nach der Stichwahl in Ägypten habe ich beim Wahlkampfteam des Muslimbruder-Kandidaten Muhammad Mursi verbracht. Eine richtige Wahlparty gab es nicht. Aber einige Journalisten drehten völlig durch, überwältigt vom historischen Augenblick des Sieges der Islamisten nach 84 Jahren Kampf gegen den Staat.
(Die Wahlkommission hat immer noch kein Ergebnis verkündet. Aber unabhängie – und sogar einige Staatsmedien bestätigen Mursis Sieg ebenso wie etwa die Beobachter vom ägyptischen Richterverband.)
Um kurz nach vier brechen in der Mansur-Straße 38 in Kairo alle Dämme. „Da ist der neue Präsident Ägyptens“, rufen die rund drei Dutzend noch versammelten Journalisten im Presseraum der Wahlkampfzentrale von Mohammed Mursi, und: „Es lebe Ägypten. Das Blut der Märtyrer ist nicht umsonst geflossen!“ Einem Kameramann in Jeans und buntem T-Shirt fließen ebenso Tränen über das Gesicht wie gestandenen Aktivisten mit langen Bärten und dunklen Anzügen.
Eben hat Mursis Wahlkampfchef erklärt, es gebe keinen Zweifel mehr: Der Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft hat die erste Präsidentschaftswahl nach der ägyptischen Revolution von 2011 und dem Sturz von Ex-Diktator Hosni Mubarak gewonnen. Unabhängige Medien und Beobachter werden das knappe Ergebnis bald bestätigen.
Mursi gibt ein kurzes Statement ab, beantwortet keine Fragen und geht auf keine der Nachrichten der Nacht ein. Doch die meisten Anwesenden sind überwältigt, dem historischen Moment beiwohnen zu dürfen. „Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen“, sagt ein junger Fernsehreporter atemlos, der Mursis Sprecher kurz zuvor noch mit kritischen Fragen in die Mangel genommen hatte.
Die Journalisten geben an diesem frühen Morgen eine beeindruckende Kulisse für die Verkündung des Sieges der Muslimbrüder ab. Doch sie können nicht über die Situation draußen auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt hinwegtäuschen, wo es völlig anders aussieht. Nicht weit entfernt auf den Promenaden am Nilufer nutzen Angler und Ausflügler die Kühle des frühen Morgens für Spaziergänge. Niemand feiert hier.
Obwohl alle ägyptischen Fernsehkanäle live seit Stunden aus der Mansur-Straße berichten, findet sich kaum eine Handvoll Anhänger der Muslimbruderschaft dort ein. Erst am späten Vormittag des nächsten Tages sammeln sich einige Hundert mit den Fahnen der Bruderschaft und ihrer Freiheits- und Gerechtigkeitspartei auf dem Tahrir-Platz. Historische Siegesfeiern sehen anders aus.
Dabei ist die Nachricht in der Tat historisch für Ägypten: Nach 84 Jahren Kampf, teilweise mit Waffengewalt sowie in den letzten Jahrzehnten mit friedlichen Mitteln, ist die ägyptische Muslimbruderschaft, die Mutter aller modernen islamistischen Bewegungen, an der Spitze des Staates angelangt. Doch die größte und mit Abstand am besten organisierte politische Organisation Ägyptens hat keinerlei Wahlparty vorbereitet. „Inmitten der Revolution ist dies noch nicht der Moment zum Feiern“, sagt der Wahlkampfleiter. Er weist auf die Auflösung des von der Bruderschaft dominierten Parlaments durch das Verfassungsgericht vor wenigen Tagen hin, die ebenso ungesetzlich sei wie die in der Wahlnacht verkündete Verfassungsergänzung des Militärrats. Darin sichern sich die Generäle weitgehende Machtbefugnisse auf unabsehbare Zeit auch nach der für Ende dieses Monats erwarteten Amtseinführung des neuen Präsidenten. Der Kampf und die Macht in Ägypten ist noch lang nicht entschieden. Das ist den Wahlkämpfern trotz aller Rührung im Augenblick bewusst.
Viele Ägypter sind enttäuscht vom Demokratisierungsprozess, seit das Militär die Machtübergabe mit immer neuen Begründungen verzögert und verwässert hat. Auf den Bildschirmen der Straßencafés der Elwy-Straße in Kairos Innenstadt, wo sich traditionell jugendliche Aktivisten treffen, läuft das EM-Spiel Portugal – Niederlande, als die ersten Auszählungsergebnisse verkündet werden.
Selbst bei vielen von denen, die Mursi gewählt haben, herrscht kein Enthusiasmus. „Mursis Sieg ist eine gute Nachricht“, sagt Ahmed Mahir, ohne auch nur kurz von seinem Laptop aufzublicken. Der Gründer und Chef der liberalen „Bewegung vom 6. April“ hatte Mursi in der Schlussphase des Wahlkampfs unterstützt, um einen Sieg des Mubarak-Vertrauten Ahmed Schafik zu verhindern. „Feiern?“, fragt Maher erstaunt, als er im Morgengrauen übermüdet in der Zentrale seiner Bewegung sitzt. „Wir werden höchstens auf die Straße gehen, um Mursi an sein Versprechen zu erinnern, für Demokratie und Freiheit einzustehen.“
Das wahre Ziel der Muslimbrüder: Fußballmeisterschaft
Veröffentlicht von nahostpost in Ägypten am 8. Mai 2011
Die ägyptischen Muslimbrüder haben endlich ihre wahren Ziele offengelegt. Die Islamisten sind die bei weitem größte und bestorganisierte Oppositionsgruppe am Nil und die Angst ist groß in Ägypten nach der Revolution, dass sie die Macht vollständig übernehmen könnten. Dagegen verkündeten die Brüder mehrfach, dass sie nicht einmal beabsichtigten, einen Vertreter bei den kommenden Wahlen um das Präsidentenamt ins Rennen zu schicken. Zudem erklärten sie, sie strebten mit ihrer neuen Partei, höchstens 45 bis 50 Prozent der Parlamentssitze an.
Viele Kritiker sind trotz dieser Beschwichtigungen sicher, dass die Muslimbruderschaft insgeheim andere, weitergehende Ziele verfolge, als sie öffentlich zugibt. Jetzt haben die Islamisten endlich offengelegt, was sie wirklich wollen: die Fußballmeisterschaft! Der oberste Führer der Bruderschaft gab am vergangenen Donnerstag überraschend bekannt, die Bruderschaft werde einen Sportverein samt Fußballmannschaft gründen, der in Ägypten „in der Liga und im Pokal mitspielen soll“.
Die Ägypter ebenso wie ausländische Beobachter reagierten überrascht auf die Ankündigung. Aber das liegt offenbar an den vielen „Missverständnisse“ in der öffentlichen Wahrnehmung, über die die Bruderschaft immer wieder gerne klagt. „Im Grunde“, sagte eine führendes Mitglied dem Internetdienst von al-Arabiya, „kann man die Bruderschaft als sportliche Organisation beschreiben.“ Alle (!) Mitglieder würden regelmäßig Sport treiben. Den Eindruck hatte sich persönlich bei meinen letzten Besuchen in Kairo zwar eher nicht. Aber was die Brüder so in ihrer Freizeit treiben, wissen ihre Kader sicher am besten.
Mit ihrer Sportbegeisterung – ob neu entdeckt, oder tatsächlich tief verwurzelt – grenzen sich die Brüder tatsächlich ab von noch konservativeren islamischen Strömungen, wie den in Ägypten erstarkenden Salafisten, die so ziemlich alles ablehnen was zu Zeiten des Propheten Muhammad noch nicht existierte, also auch den westlich-dekadenten Fußball.
Vertreter des ägyptischen Fußballverbands werden bei al-Arabiya zitiert, wenn die Brüder ein entsprechendes Stadion bauten und sich sonst and die Regeln hielten, stünde der Teilnahme ihres Vereins an Verbandswettbewerben nichts entgegen. Mit der Meisterschaft könnte es allerdings noch etwas dauern. Jeder neue Verein, hieß es, müsse erstmal in der vierten Liga beginnen.
