Artikel getaggt mit Gaza
Das Ende der Tunnel
Veröffentlicht von nahostpost in Palästinenser am 23. Oktober 2012
Mit dem Besuch des schillernden Emirs von Katar und seiner noch schillernderen Frau bei der Hamas in Gaza soll die Öffnung der Grenze zu Ägypten für den Güterverkehr einhergehen. Eine Katastrophe für Zehntausende, die direkt und indirekt vom Schmuggel lebten
Draußen ist schon alles für den hohen Besuch vorbereitet. Tausende Fahnen des Golfstaats Katar schmücken den Weg vom Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem palästinensischen Gazastreifen bis ins Zentrum von Gaza Stadt. Als erster Staatsgast überhaupt bei der von der radikalislamistischen Hamas-Partei geführten und international nicht anerkannten Regierung wird gleich der Emir Katars Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani nach Gaza kommen. „Danke Katar“, hat die Hamas auf riesigen Plakaten überall in ihrem Herrschaftsgebiet plakatieren lassen.
Doch in der Wohnung von Abu Jusuf nur wenige hundert Meter von der geschmückten Hauptstraße entfernt ist die Stimmung niedergeschlagen. Natürlich begrüße er, dass nicht nur der Emir und seine Frau, die glamouröse Sheicha Mosa, etwas Abwechselung in den Alltag des Küstenstreifens bringen. Die großen Infrastrukturprojekte, für die Katar mehrere Hundert Millionen Dollar investieren will, würden sicher helfen, die Wirtschaft anzukurbeln – vor allem weil Ägypten dafür die Grenze erstmals für den Güterverkehr öffnen wird. „Wir aber sind die Verlierer“, sagt Abu Jusuf.

Arbeitslos in Rafah: Mahmud, 23 (links), und Mahmud, 20, haben jahrelang in den Schmugglertunneln ihre Gesundheit auf’s Spiel gesetzt. Nun werden sie nicht mehr gebraucht.
Abu Jusuf, der seinen vollen Namen nicht nennen will, hat viel Geld verdient in den vergangenen Jahren, während Gaza unter der weitgehenden Blockade durch Israel und Ägypten litt. Ihm gehört – gemeinsam mit Partnern – einer der mehr als Tausend Tunnel, über die Gaza mit Schmuggelgut aus Ägypten versorgt wurde. Nach dem israelischen Abzug aus dem Gazastreifen 2005, gehörte Abu Jusuf zu den ersten, die das lukrative Tunnelgeschäft entdeckten, als er rund 6000 Dollar für einen Anteil an einer der „Linien“, wie er es nennt, investierte.
Die große Bonanza der Tunnelbesitzer kam nach der Machtübernahme der Hamas 2007 und insbesondere nach der israelischen Invasion Ende 2008, Anfang 2009. In dem Palästinensergebiet fehlte es nahezu an allem. Israel ließ über seine Übergänge nur wenige überlebenswichtige Waren in den Streifen. Ägypten schloss die Grenze nahezu völlig. Über die Tunnel im Grenzort Rafah allerdings holten sich die Palästinenser, was sie brauchten, um zumindest auf Sparflamme mit dem Wideraufbau nach dem Krieg zu beginnen. Bis zu 10 000 Dollar Umsatz am Tag habe er gemacht vor allem mit dem Schmuggel von Baumaterial, erzählt Abu Jusuf mit glänzenden Augen. „16000 Menschen arbeiteten hier im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Doch die Zeit der Tunnel ist vorbei.“
Die Hamas-Führung feiert den Besuch des Emirs und die Grenzöffnung als diplomatischen Coup. Doch die Zentausenden, deren Einkommen direkt oder indirekt von den Tunneln abhing sind entsetzt. Die Tunnel waren zuletzt der größte private Arbeitgeber in Gaza. Sie versorgten die 1,5 Millionen Einwohner mit günstigen Gütern, auch nachdem Israel in den vergangenen Jahren die Blockade etwas lockerte. Sie stellten auch für die Hamas eine wichtige Geldquelle dar. „Nichts verlässt die Tunnel unkontrolliert und unversteuert“, sagt Abu Jusuf.
In den vergangenen Monaten hat sich bereits viel geändert. Ägypten hat einen neuen, islamistischen Präsidenten. Im Zuge einer Annäherung haben die ägyptischen und die Hamas-Behörden bereits einen Großteil der Schmugglertunnel – darunter den von Abu Jusuf – geschlossen.
Der Besuch des Herrscherpaares aus Katars könnte das vollständige Ende der Tunnel einläuten. „Die Blockade ist nun endgültig gebrochen“, erklärt Ahmad Jusuf, ein enger Berater von Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija. Er hofft, dass bald weitere Staatschefs kommen. Katar hat der Hamas aber nicht nur aus ihrer diplomatischen Isolation geholfen, sondern auch aus der wirtschaftlichen. Für die angekündigten Bauprojekte des Golfstaats hat Ägypten sich bereiterklärt, erstmals seinen Grenzübergang nach Gaza für Güter zu öffnen. Die Hamas hatte das seit Jahren gefordert und versprochen, das Tunnelwesen im Gegenzug ein für allemal zu beenden. „Daran werden wir uns halten“, sagt Jusuf.
Mahmud ein 23-jähriger, ehemaliger Mitarbeiter von Abu Jusuf kann bereits jetzt kaum seine Frau und seine beiden kleinen Kinder versorgen. Seit gut vier Jahren arbeite er in den Tunneln, erzählt er. Er hatte nie einen anderen Job. „Wir haben jahrelang unser Leben riskiert und waren Gazas einzige Versorgungsquelle“, sagt Mahmud und zeigt zahlreiche Narben von Unfällen vor. Die Hamas sei ihnen etwas schuldig, findet er.
Die katarischen Projekte, der Ausbau der beiden Hauptverkehrsachsen im Gazastreifen und eine neue Siedlung mit mehr als 1000 Wohneinheiten, würden Tausende Arbeitsplätze schaffen, erzählt Hamas-Funktionär Jusuf. Ob das reichen werde, die arbeitslosen Tunnelarbeiter aufzunehmen, könne er aber nicht versprechen.
Augenbrauenzupfen in Gaza
Veröffentlicht von nahostpost in gaza, Palästinenser am 16. August 2012
Seit 14 Jahren betreibt Raed seinen Friseursalon in Dschabalija im Gazastreifen. Die Lage sei wiedermal schlecht, erzählt Raed, der wie offenbar Friseure überall in der Welt gerne erzählt. Vor allem hätten die Kunden kaum Geld, die Preise für Haarschnitte, Rasuren etc. seien zu niedrig.
Dazu gibt es wieder einmal kaum Strom. Erst vor wenigen Wochen war es mal etwas besser geworden, weil das Emirat Katar begonnen hatte Sprit in den Gazastreifen zu liefern. Daraufhin konnte das einzige Kraftwerk in Gaza zum ersten Mal seit 2006 zumindest ein paar Stunden pro Tag auf vollen Touren laufen. Das heißt dann, dass gemeinsam mit den Stromlieferungen aus Israel und aus Ägypten dann zwischen der Hälfte und zwei Dritteln des Strombedarfs in Gaza gedeckt werden kann. Doch diese etwa bessere Zeit war vor knapp zwei Wochen wieder vorbei, als Ägypten infolge des Terroranschlags auf seine Soldaten auf dem Sinai unweit des Gazastreifen, die Grenze wieder dichtmachte und die Spritlieferungen stoppte. Nun gibt’s für Raed wieder eine oder vielleicht zwei Stunden Strom am Tag. Wann, weiß man auch nie genau. Deshalb rufe er, wenn es Strom gibt, sofort seine Kunden per Handy auf der Warteliste an, die dann so schnell wie möglich kommen. Geregelte Öffnungszeiten gibt es nicht mehr.
Ohne Strom, dass heißt ohne Licht, Föhn und vor allem diverse Haarschneidemaschinen kann Raed seine Kunst nicht ausüben – nicht bei den anspruchsvollen Herren im Gazastreifen! Für einen mitteleuropäischen Besucher ist es durchaus überraschend, welchen Aufwand nicht nur pubertierende Jungs, sondern auch alte Islamisten mit Vollbärten und traditionellen arabischen Gewändern bei der Haarpflege betreiben. Der Gel- und Haarsprayverbrauch in Raed’s Salon in enorm. Ohne die Augenbrauen gezupft zu bekommen, geht hier niemand aus dem Laden, selbst gestanden alte Männer nicht. Einer der Kunden erzählte, der habe sogar im Salon übernachtet, weil es am Vorabend, als er kam, wiedermal keinen Strom gab. Statt unfrisiert nach hause zu gehen, habe er beschlossen zu warten, bis der Strom wieder da ist.
Pseudo-Schwuler soll Gaza-Flottille diskreditieren
Veröffentlicht von nahostpost in Israel, pinkwashing am 30. Juni 2011
Israelische Regierung schießt mit gefälschtem Youtube-Video wieder mal Eigentor in Sachen Gaza.
“Marcs” Blick ist treuherzig und seine Geschichte herzerweichend - allerdings frei erfunden. Ein israelischer PR-Manager ist in die Rolle eines naiven Schwulen-Aktivisten geschlüpft, der sich der internationalen Solidaritätsflotte für Gaza anschließen wollte. Die Organisatoren hätten ihn und seine Mitstreiter jedoch zurückgewiesen, weil sie keine Homosexuellen dabei haben wollten. Nach diesem Erlebnis, so “Marc” in dem Video, sei ihm aufgefallen, mit was für schlimmen Extremisten wie etwa der Hamas sich diese Menschenrechtler und pro-palästinensischen Aktivisten auf der Flotille da einlassen.
Dass es in der Blogosphäre nicht lange dauern würde, bis jemand die Fälschung aufdecken und den Schauspieler enttarnen würde, müsste eigentlich jedem klar gewesen sein. Statt ihre eigene Position (in diesem Fall gegen den Bruch ihrer Seeblockade gegen Gaza) wenigstens halbwegs sachlich zu präsentieren, hat sich die israelische Regierung mit dieser Pinkwashing-Aktion wiedermal lächerlich und vor allem bei Homosexuellen auch noch neue Feinde gemacht.
Nicht das erste PR-Eigentor Israels in Sachen Gaza. Vergangene Woche bekamen ausländische Korrespondenten in Israel einen Brief. Der Leiter des Presseamtes drohte darin, dass Journalisten, die auf Flottilla-Booten mitfahren, deportiert und zehn Jahre Einreiseverbot bekommen würden. Das wurde später zurückgenommen - nachdem es allerdings weltweit bereits für Negativschlagzeilen gesorgt hatte.
In peinlicher Erinnerung ist hier auch noch ein Brief eines ehemaligen Presseamtsleiters, der Journalisten in zynischem Tonfall ein angebliches Luxusrestaurant in Gaza empfahl, wenn sie das nächste Mal dahin reisen und über die Not dort berichten würden. Denn aus Sicht des besagten Presseamtsleiters ist die angebliche Not in Gaza nur eine Erfindung der palästinensischen Propaganda und der internationalen israelfeindlichen Presse. Als Beleg für diese These reichte ihm der Hinweis auf ein Mittelklasse-Restaurant, auf ein (noch immer nicht eröffnetes) Luxushotel und ein (ein einziges) Sportschwimmbecken im ganzen Gazastreifen mit seinen rund 1,5 Millionen Menschen.
Wer so eine PR-Abteilung hat, braucht sich natürlich um die Propaganda seiner Gegner keine Sorgen zu machen.
Musik in Gaza
Veröffentlicht von nahostpost in Palästinenser am 1. Juni 2011
“Maestro” Kamal spielt “muntasib il-qamati amshi” von Marcel Khalifa.
Seit vor einigen Wochen Hamas und die rivalisierende Fatah-Partei ein Versöhungsabkommen unterschrieben haben und über die Bildung einer Einheitsregierung verhandeln, hat sich das Klima in Gaza schon spürbar verändert. Überall in Gaza sieht man wieder Fahnen von Fatah und anderen Parteien und hört auch wieder mehr Musik.
Musiker wie Kamal setzen große Hoffnung auf die versprochene palästinensische Einheitsregierung, die bei nahezu allen Künstlern verhasste Hamasherrschaft bald beenden soll. Früher war Kamal Geiger im Polizeiorchester der palästinensischen Autonomiebehörde in Gaza und leitete eine eigene Folkloretruppe, die auch regelmäßig ins Ausland reiste.
Mit alledem war Schluss, als die Hams 2007 in Gaza die Macht übernahm. Die gesamte Polizei wurde ausgetauscht, ein Orchester gibt es nicht mehr. Musik und Tanzaufführung - und sei es traditionelle palästinensische Volksmusik ist bei Hamas ausdrücklich unerwünscht. Konzerte und wurden regelmäßig von Hamas-Kämpfern beendet, Besucher und Musiker eingeschüchtert, bis es schließlich – außer bei Hochzeiten – kaum noch Musik in Gaza gab. Auslandsreisen waren bis vergangene Woche, als Ägypten nach fast vier Jahren erstmals wieder einen Grenzübergang in den Gazastreifen öffnete, nahezu unmöglich.
Kamal betreibt jetzt eine kleine Hühnerfarm im Norden des Gazastreifen. Da ist auch am vergangenen Wochenende das Video entstanden. Leider war die Beleuchtung sehr schlecht. Verzeihung daher für die schlechte Videoqualität!

