Mit dem Besuch des schillernden Emirs von Katar und seiner noch schillernderen Frau bei der Hamas in Gaza soll die Öffnung der Grenze zu Ägypten für den Güterverkehr einhergehen. Eine Katastrophe für Zehntausende, die direkt und indirekt vom Schmuggel lebten
Draußen ist schon alles für den hohen Besuch vorbereitet. Tausende Fahnen des Golfstaats Katar schmücken den Weg vom Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem palästinensischen Gazastreifen bis ins Zentrum von Gaza Stadt. Als erster Staatsgast überhaupt bei der von der radikalislamistischen Hamas-Partei geführten und international nicht anerkannten Regierung wird gleich der Emir Katars Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani nach Gaza kommen. „Danke Katar“, hat die Hamas auf riesigen Plakaten überall in ihrem Herrschaftsgebiet plakatieren lassen.
Doch in der Wohnung von Abu Jusuf nur wenige hundert Meter von der geschmückten Hauptstraße entfernt ist die Stimmung niedergeschlagen. Natürlich begrüße er, dass nicht nur der Emir und seine Frau, die glamouröse Sheicha Mosa, etwas Abwechselung in den Alltag des Küstenstreifens bringen. Die großen Infrastrukturprojekte, für die Katar mehrere Hundert Millionen Dollar investieren will, würden sicher helfen, die Wirtschaft anzukurbeln – vor allem weil Ägypten dafür die Grenze erstmals für den Güterverkehr öffnen wird. „Wir aber sind die Verlierer“, sagt Abu Jusuf.

Arbeitslos in Rafah: Mahmud, 23 (links), und Mahmud, 20, haben jahrelang in den Schmugglertunneln ihre Gesundheit auf’s Spiel gesetzt. Nun werden sie nicht mehr gebraucht.
Abu Jusuf, der seinen vollen Namen nicht nennen will, hat viel Geld verdient in den vergangenen Jahren, während Gaza unter der weitgehenden Blockade durch Israel und Ägypten litt. Ihm gehört – gemeinsam mit Partnern – einer der mehr als Tausend Tunnel, über die Gaza mit Schmuggelgut aus Ägypten versorgt wurde. Nach dem israelischen Abzug aus dem Gazastreifen 2005, gehörte Abu Jusuf zu den ersten, die das lukrative Tunnelgeschäft entdeckten, als er rund 6000 Dollar für einen Anteil an einer der „Linien“, wie er es nennt, investierte.
Die große Bonanza der Tunnelbesitzer kam nach der Machtübernahme der Hamas 2007 und insbesondere nach der israelischen Invasion Ende 2008, Anfang 2009. In dem Palästinensergebiet fehlte es nahezu an allem. Israel ließ über seine Übergänge nur wenige überlebenswichtige Waren in den Streifen. Ägypten schloss die Grenze nahezu völlig. Über die Tunnel im Grenzort Rafah allerdings holten sich die Palästinenser, was sie brauchten, um zumindest auf Sparflamme mit dem Wideraufbau nach dem Krieg zu beginnen. Bis zu 10 000 Dollar Umsatz am Tag habe er gemacht vor allem mit dem Schmuggel von Baumaterial, erzählt Abu Jusuf mit glänzenden Augen. „16000 Menschen arbeiteten hier im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Doch die Zeit der Tunnel ist vorbei.“
Die Hamas-Führung feiert den Besuch des Emirs und die Grenzöffnung als diplomatischen Coup. Doch die Zentausenden, deren Einkommen direkt oder indirekt von den Tunneln abhing sind entsetzt. Die Tunnel waren zuletzt der größte private Arbeitgeber in Gaza. Sie versorgten die 1,5 Millionen Einwohner mit günstigen Gütern, auch nachdem Israel in den vergangenen Jahren die Blockade etwas lockerte. Sie stellten auch für die Hamas eine wichtige Geldquelle dar. „Nichts verlässt die Tunnel unkontrolliert und unversteuert“, sagt Abu Jusuf.
In den vergangenen Monaten hat sich bereits viel geändert. Ägypten hat einen neuen, islamistischen Präsidenten. Im Zuge einer Annäherung haben die ägyptischen und die Hamas-Behörden bereits einen Großteil der Schmugglertunnel – darunter den von Abu Jusuf – geschlossen.
Der Besuch des Herrscherpaares aus Katars könnte das vollständige Ende der Tunnel einläuten. „Die Blockade ist nun endgültig gebrochen“, erklärt Ahmad Jusuf, ein enger Berater von Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija. Er hofft, dass bald weitere Staatschefs kommen. Katar hat der Hamas aber nicht nur aus ihrer diplomatischen Isolation geholfen, sondern auch aus der wirtschaftlichen. Für die angekündigten Bauprojekte des Golfstaats hat Ägypten sich bereiterklärt, erstmals seinen Grenzübergang nach Gaza für Güter zu öffnen. Die Hamas hatte das seit Jahren gefordert und versprochen, das Tunnelwesen im Gegenzug ein für allemal zu beenden. „Daran werden wir uns halten“, sagt Jusuf.
Mahmud ein 23-jähriger, ehemaliger Mitarbeiter von Abu Jusuf kann bereits jetzt kaum seine Frau und seine beiden kleinen Kinder versorgen. Seit gut vier Jahren arbeite er in den Tunneln, erzählt er. Er hatte nie einen anderen Job. „Wir haben jahrelang unser Leben riskiert und waren Gazas einzige Versorgungsquelle“, sagt Mahmud und zeigt zahlreiche Narben von Unfällen vor. Die Hamas sei ihnen etwas schuldig, findet er.
Die katarischen Projekte, der Ausbau der beiden Hauptverkehrsachsen im Gazastreifen und eine neue Siedlung mit mehr als 1000 Wohneinheiten, würden Tausende Arbeitsplätze schaffen, erzählt Hamas-Funktionär Jusuf. Ob das reichen werde, die arbeitslosen Tunnelarbeiter aufzunehmen, könne er aber nicht versprechen.
