Im Nahen Osten gibt es viele komplizierte, absurde Orte. Doch Ghajar gehört zu den schrägsten von allen. Das Dorf mit etwa 2000 Einwohnern liegt genau auf der “Blauen Linie”, der derzeit effektiven (an dieser Stelle nicht völkerrechtlichen) Grenze zwischen dem Libanon und Israel. Die Dorfbewohner stellen sich als syrische Alawiten vor, haben aber israelische Pässe, und leben in einem israelischen Sperrgebiet auf - teilweise - libanesischen Staatsgebiet.
Dass dieser Zustand gewisse Komplikationen und Einschränkungen für den Alltag mitbringt, kann man sich vielleicht vorstellen. Israel hat seine Nordgrenze mit einem Hightech-Sicherheitszaun mit Bewegungsmeldern, Kameras und sonstigem technischen Zeug und einem für Zivilisten gesperrten Sicherheitsstreifen gesichert. Obwohl in Ghajar israelische Staatsbürger wohnen, verläuft diese umfangreiche Sperranlage hier südlich des Dorfes. Im Norden wird das Dorf vom libanesisch kontrollierten Gebiet teilweise nur von einem Bach oder einen einfachen Zaun oder Erdwall getrennt. Die Nordgrenze in den Libanon zu überwinden, ist allerdings strengstens verboten. (Die Armee sagt: “Wir haben unsere Mittel und Technologie die Linie zu überwachen.”) Im Süden im Sicherheitszaun, gibt es einen einzigen hoch gesicherten Armeecheckpoint, den die Bewohner oder Besucher mit Sondergenehmigung des Militärs passieren dürfen.

Ein Erdwall am Ortsrand markiert die Linie, wo die israelische Kontrolle endet und die libanesische beginnt. Die Grenze dagegen mitten im Ort ist unsichtbar.
Die eigentliche Grenze mitten im Dorf ist unsichtbar. Sie spielt aber dennoch eine Rolle. Israelische staatliche Vertreter - außer dem Militär - passieren sie nicht. Das heißt zum Beispiel, die Polizei kommt nicht in den Nordteil des Dorfes, da dieser anders als die Südhälfte auch von Israel nicht als eigenes Staatsgebiet betrachtet wird. Teilweise, so wurde mir erzählt, weigern sich auch private israelische Firmen, Vertreter über die unsichtbare Grenze zu schicken, etwa Handwerker oder der Kundendienst für Haushaltsgeräte. Dann müsse ein defekter Kühlschrank schon mal eben in den Südteil von Ghajar gebracht werden, damit er repariert werden kann.
Wie es zu Ghajars Situation kam, ist natürlich auch eine komplizierte Geschichte. Die wichtigsten Stationen waren die, dass das Dorf seit der Demarkation der Kolonialgrenzen in den 30er Jahren südlich der syrisch-libanesischen Grenze lag. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde es mit den Golanhöhen von Israel besetzt und später annektiert (das wurde international nicht anerkannt). Mit der israelischen Besetzung des Südlibanon verlor die Grenze an dieser Stelle später ihre Bedeutung und das Dorf breitete sich auf libanesisches Gebiet aus. 2000 wurde Ghajar im Zuge des Rückzugs Israels aus dem Südlibanon geteilt. Es wurde zu einem Brennpunkt des Schmuggels und zeitweise auch zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Hisbollah und Israel. Nachdem letzten Libanonkrieg 2006 dagegen behielt Israel die Kontrolle über das ganze Dorf - auf Wunsch der Dorfbewohner. Denn die betrachteten sich als Syrer und wollen nicht zum Libanon gehören, sondern lieber zum syrischen Golan, auch wenn der unter israelischer Kontrolle ist. Und schon gar nicht wollen sie, dass ihr Dorf geteilt wird.
Allerdings wollte oder konnte Israel seine High-tech-Sicherheitsanlage nicht auf die Nordseite des Dorfes auf libanesisches Territorium verlegen. So dass Ghajar, obwohl es nach israelischer Auffassung ja ein zumindes halb-israelisches, und jedenfalls nicht libanesisches Dorf ist, von Israel mit einem riesigen Zaun und von Libanon nur von einem Bach getrennt ist. Trotz aller Bemühungen des Militärs gilt Ghajar auch heute noch als Zentrum des Drogenschmuggels vom Libanon nach Israel.
