Mit großem Brimborium hat die Palästinensische Autonomiebehörde das erste Solarkraftwerk und damit das erste Kraftwerk überhaupt im Westjordanland, das Strom ins öffentliche Netz einspeist, eingeweiht. Bisher gibt es einige kleine (noch kleinere) Solarprojekte und natürlich viele Dieselgeneratoren, die aber nicht mit dem allgemeinen Stromnetz verbunden sind. Trotz dieses “historischen Datums”, wie Energieminister Omar al-Kitaneh das Ereignis würdigte, droht vielen Palästinensern in den kommenden Tangen oder Wochen der Blackout.
Das Solarfeld bei Jericho, das gab auch der Minister in seiner Festansprache zu, hat vor allem symbolischen Wert. Die Nennleistung beträgt gerade einmal 300 kW. Am Eröffnungstag war auch noch, was in der Wüstenstadt Jericho äußert selten ist, der Himmel bedeckt, und das Kraftwerk schaffte noch nicht einmal 100 kW. (Zum Vergleich: ein einzelnes modernes Windrad in Deutschland bringt es in der Regel auf mehr als 2 MW.)
Die historische Bedeutung liege darin, dass Palästina nun zu den Ländern gehöre, die professionell und komerziell aus erneuerbaren Energien Strom gewinnen, so al-Kitaneh. Als kommerziell kann das Projekt allerdings kaum durchgehen - wegen seiner Winzigkeit und weil es ausschließlich mit japanischen Entwicklungshilfegeldern bezahlt wurde. Ein reiner Hoffnungswert ist daher auch die Ankündigung des Ministers, dass nun “in allen Gouvernoraten” zahlreiche solcher Kraftwerke, finanziert von privaten Investoren aus dem Boden schießen werden, da mit dem ersten Kraftwerk bewiesen sei, wie gut die Investitionsbedingungen für Solarenergie im Westjordanland seien.
Die Situation bei der Stromversorgung im Westjordanland belegt derzeit weniger den Fortschritt beim Staatsaufbau hin zu “einem Leben in Unabhängigkeit und Freiheit für unser Volk”, wie Ministerpräsident Salam Fayyad bei der Eröffnungsfeier dichtete, sondern die existenzielle Krise der Autonomiebehörde und ihre völlige Abhängigkeit von Israel und ausländischen Geldgebern. In den vergangenen Wochen gab es bereits wiederholt Demonstrationen gegen Fayyad und seine Regierung, die ihre Angestellten seit Monaten nicht mehr vollständig bezahlen kann. Gleichzeitig steigen die Kosten für Lebensmittel, Sprit und andere Dinge stark. Die Behörde hat zwar einige Maßnahmen beschlossen, aber kann nichts davon bezahlen ohne zusätzliche Spenden von außen.

Unter bedecktem Himmel bleibt das Solarkraftwerk am ersten Tag weit unter seiner Nennleistungs von 300 kW. Man beachte den kleinen “From-the-people-of-Japan”-Aufkleber, der auch auf dem Monitor wie auf nahezu jedem Gegenstand hier klebt
Manche Palästinenser bei den Protesten sind sauer auf Premier Fayyad und dessen liberalen Wirtschaftskurs, viele sind aber vor allem desillusionliert von dem Projekt Autonomieverwaltung insgesamt, die ständig Pleite und aufgrund der Besatzung gar nicht die Möglichkeiten besitzt, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern.
In den kommenden Tagen droht Tausenden Palästinensern im Westjordanland und Ostjerusalem, der Strom abgestellt zu werden. Bei dem israelischen Stromerzeuger, von dem die Behördeneigene Firma JDEC den Strom für die Palästinensergebiete bezieht, sind Schulden von mehr als 100 Millionen Dollar aufgelaufen. Die Israelis haben schon mehere Deadlines immer wieder aufgeschoben, aber weder JDEC noch die Behörde können einen signifikanten Teil des Geldes aufbringen. Wenn die Israelis tatsächlich den Strom in großen Teilen des Westjordanlandes abstellen, dürfte das die Autonomiebehörde ihrem Zusammenbruch deutlich näher bringen. Die paar Kilowatt vom Solarkraftwerk helfen dann auch nicht weiter.
Die Israelis haben derzeit kein Interesse daran, die Behörde weiter zu schwächen, da sie im Falle von deren Zusammenbruch selbst die komplette Verwaltung des Westjordanlandes wieder übernehmen müssten. Daher lassen sie vielleicht noch eine Weile Gnade walten. Aber allein die wiederholte Drohung, den Strom zu kappen, dient als ständige Erinnerung an die völlig Abhängigkeit der Behörde, die nicht für ihre “Bürger” sorgen kann.

Der Gouverneuer von Jericho, Energieminister al-Katani, Ministerpräsident Fayyad, und der Repräsentant Japans

Wüste: Das Solarkraftwerk liegt in einem Industriepark vor Jericho, bisher haben sich hier aber kaum Unternehmen angesiedelt
Anmerkung: das einizige palästinensische Kraftwerk bisher, ein unter ständigem Ersatzteilmangel leidendes, unterdimensioniertes Dieselkraftwerk, steht im Gazastreifen.



