Leben im Horror-Dreieck

Vergleiche hinken immer und führen vor allem in Nahen Osten oft völlig in die Irre. Aber bei einem Besuch im Kibbutz Kerem Schalom, der dem einzigen Waren-Übergang in den Gazastreifen den Namen gegeben hat, erinnerte mich heute die Entschlossenheit der Bewohnern, dem ständigen Granatbeschuss und nun Risiko von Angriffen aus Ägypten heraus zu trotzen, unwillkürlich an das Ausharren der Palästinser auf der “Firing Zone 918″, die ich gerade vor zwei Tagen besucht hatte.

Der Kibbutz Kerem Schalom (deutsch “Weinberg des Friedens”) hat nicht nur einen romantischen Namen. Er ist auch einer der wenigen verbliebenen “echten” Kibbutzim fast ohne persönliches Eigentum, wo alle Mitglieder noch entweder direkt für die Gemeinschaft arbeiten oder ihr komplettes Gehalt in die Gemeinschaftskasse einzahlen. Wenig romatisch ist allerdings die Lage des Kibbutz im Dreieck zwischen dem Gazastreifen, Ägypten und Israel.

Kibbutz ohne Aussicht: Richtung Gaza wird Kerem Schalom von einer Betonmauer geschützt

Kibbutz ohne Aussicht: Richtung Gaza wird Kerem Schalom von einer Betonmauer geschützt

“An die ständigen Granaten aus Gaza sind wir ja gewöhnt”, sagt Andy ein 58-jähriger Biologe, der in der ausgedehnten Landwirtschaft des Kibbutz arbeitet. Daran, dass der Gazastreifen nur wenige hundert Meter entfernt ist, erinnert - auch wenn gerade Ruhe herrscht – die massive Betonwand, die die Siedlung halb einschließt und direkten Beschuss verhindern soll.

Dass es wiedermal Granateneinschläge geben würde, dachten auch die Bewohner am vergangenen Sonntagabend zunächst, als sie über SMS alarmiert und zum Aufsuchen der Schutzräume aufgerufen wurden. Als sie da allerdings bis Mitternacht bleiben mussten, “ahnten wir, dass diesmal etwas schlimmeres passiert ist”, erzählt Andy.

Tatsächlich hatten - immer noch offiziell nicht identifizierte – Angreifer in  der Zwischenzeit einen ägyptischen Polizeiposten auf der ägyptischen Seite der Grenze gestürmt, 15 oder 16 Polizisten ermordet, ein gepanzertes Fahrzeug gestohlen, den Grenzübergang Rafah nach Isarel (nicht zu verwechseln mit dem Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und Gaza weiter im Nordwesten) mit einem sprengstoffbeladenen Lkw in die Luft gesprengt und waren mit dem gepanzerten Fahrzeug nach Israel eingedrungen. Das alles spielte sich in einem Radius von nur wenigen Kilometern des Kibbutz ab. Kurz bevor es von den Israelis (wahrscheinlich aus der Luft) komplett zerstört wurde, passierte das Fahrzeug der Terroristen die Zufahrtstraße des Kibbutz. Armeeangehörige gehen davon aus, dass es reiner Zufall ist, dass sie nach Kerem Schalom nicht abbogen. 

Allen im Kibbutz und in Israel ist klar, dass die Bedrohung aus dem ägyptischen Sinai zusätzlich zum Raketen- und Granatenbeschuss aus Gaza auf absehbare Zeit nicht wieder verschwinden wird. In Kerem Schalom denke allerdings keiner ans Wegziehen, erzählt Andy. Im Gegenteil der Kibbutz wachse sogar seit Jahren.  Derzeit gibt es mehr Anfragen interessierter Familein als die Gemeinschaft aufnehmen kann.

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