Wahlnacht bei den Muslimbrüdern

Die Nacht nach der Stichwahl in Ägypten habe ich beim Wahlkampfteam des Muslimbruder-Kandidaten Muhammad Mursi verbracht. Eine richtige Wahlparty gab es nicht. Aber einige Journalisten drehten völlig durch, überwältigt vom historischen Augenblick des Sieges der Islamisten nach 84 Jahren Kampf gegen den Staat.

(Die Wahlkommission hat immer noch kein Ergebnis verkündet. Aber unabhängie – und sogar einige Staatsmedien bestätigen Mursis Sieg ebenso wie etwa die Beobachter vom ägyptischen Richterverband.)

Um kurz nach vier brechen in der Mansur-Straße 38 in Kairo alle Dämme. „Da ist der neue Präsident Ägyptens“, rufen die rund drei Dutzend noch versammelten Journalisten im Presseraum der Wahlkampfzentrale von Mohammed Mursi, und: „Es lebe Ägypten. Das Blut der Märtyrer ist nicht umsonst geflossen!“ Einem Kameramann in Jeans und buntem T-Shirt fließen ebenso Tränen über das Gesicht wie gestandenen Aktivisten mit langen Bärten und dunklen Anzügen.

Eben hat Mursis Wahlkampfchef erklärt, es gebe keinen Zweifel mehr: Der Kandidat der islamistischen Muslimbruderschaft hat die erste Präsidentschaftswahl nach der ägyptischen Revolution von 2011 und dem Sturz von Ex-Diktator Hosni Mubarak gewonnen. Unabhängige Medien und Beobachter werden das knappe Ergebnis bald bestätigen.

Mursi gibt ein kurzes Statement ab, beantwortet keine Fragen und geht auf keine der Nachrichten der Nacht ein. Doch die meisten Anwesenden sind überwältigt, dem historischen Moment beiwohnen zu dürfen. „Ich kann meine Gefühle nicht beherrschen“, sagt ein junger Fernsehreporter atemlos, der Mursis Sprecher kurz zuvor noch mit kritischen Fragen in die Mangel genommen hatte.

Die Journalisten geben an diesem frühen Morgen eine beeindruckende Kulisse für die Verkündung des Sieges der Muslimbrüder ab. Doch sie können nicht über die Situation draußen auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt hinwegtäuschen, wo es völlig anders aussieht. Nicht weit entfernt auf den Promenaden am Nilufer nutzen Angler und Ausflügler die Kühle des frühen Morgens für Spaziergänge. Niemand feiert hier.

Obwohl alle ägyptischen Fernsehkanäle live seit Stunden aus der Mansur-Straße berichten, findet sich kaum eine Handvoll Anhänger der Muslimbruderschaft dort ein. Erst am späten Vormittag des nächsten Tages sammeln sich einige Hundert mit den Fahnen der Bruderschaft und ihrer Freiheits- und Gerechtigkeitspartei auf dem Tahrir-Platz. Historische Siegesfeiern sehen anders aus.

Dabei ist die Nachricht in der Tat historisch für Ägypten: Nach 84 Jahren Kampf, teilweise mit Waffengewalt sowie in den letzten Jahrzehnten mit friedlichen Mitteln, ist die ägyptische Muslimbruderschaft, die Mutter aller modernen islamistischen Bewegungen, an der Spitze des Staates angelangt. Doch die größte und mit Abstand am besten organisierte politische Organisation Ägyptens hat keinerlei Wahlparty vorbereitet. „Inmitten der Revolution ist dies noch nicht der Moment zum Feiern“, sagt der Wahlkampfleiter. Er weist auf die Auflösung des von der Bruderschaft dominierten Parlaments durch das Verfassungsgericht vor wenigen Tagen hin, die ebenso ungesetzlich sei wie die in der Wahlnacht verkündete Verfassungsergänzung des Militärrats. Darin sichern sich die Generäle weitgehende Machtbefugnisse auf unabsehbare Zeit auch nach der für Ende dieses Monats erwarteten Amtseinführung des neuen Präsidenten. Der Kampf und die Macht in Ägypten ist noch lang nicht entschieden. Das ist den Wahlkämpfern trotz aller Rührung im Augenblick bewusst.

Viele Ägypter sind enttäuscht vom Demokratisierungsprozess, seit das Militär die Machtübergabe mit immer neuen Begründungen verzögert und verwässert hat. Auf den Bildschirmen der Straßencafés der Elwy-Straße in Kairos Innenstadt, wo sich traditionell jugendliche Aktivisten treffen, läuft das EM-Spiel Portugal – Niederlande, als die ersten Auszählungsergebnisse verkündet werden.

Selbst bei vielen von denen, die Mursi gewählt haben, herrscht kein Enthusiasmus. „Mursis Sieg ist eine gute Nachricht“, sagt Ahmed Mahir, ohne auch nur kurz von seinem Laptop aufzublicken. Der Gründer und Chef der liberalen „Bewegung vom 6. April“ hatte Mursi in der Schlussphase des Wahlkampfs unterstützt, um einen Sieg des Mubarak-Vertrauten Ahmed Schafik zu verhindern. „Feiern?“, fragt Maher erstaunt, als er im Morgengrauen übermüdet in der Zentrale seiner Bewegung sitzt. „Wir werden höchstens auf die Straße gehen, um Mursi an sein Versprechen zu erinnern, für Demokratie und Freiheit einzustehen.“

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