Plädoyer gegen Cyberkrieg

Cyberkrieg ist groß in Mode, auch und vor allem in Israel. Computerexperte Eugene Kaspersky warnte allerdings in Tel Aviv, dass Cyberwaffen wie der Virus „Flame“ außer Kontrolle geraten und „die Welt, wie wir sie kennen“ zerstören könnten.

Der Entdecker des Flame-Computervirus hat Regierungen und Militärs aufgefordert, keine Cyberwaffen zu entwickeln und einzusetzen. „Stoppt es, bevor es zu spät ist“, forderte Eugene Kaspersky, Gründer der IT-Sicherheitsfirma „Kaspersky Lab“ am Mittwoch auf einer Konferenz für Computersicherheit in der israelischen Stadt Tel Aviv. Ähnlich wie biologische Waffen, drohten Computerviren und andere Schadsoftware, sich unkontrolliert zu verbreiten und weltweit wahllos Schaden anzurichten. „Das könnte das Ende der Welt sein, wie wir sie kennen“, sagte Kaspersky, „wir sind in allen Lebensbereichen von IT-Systemen abhängig.“

Der flammende Appell des prominenten Computerexperten kommt zu einem Zeitpunkt, an dem immer mehr Staaten Computernetzwerke zu Schlachtfeldern erklären und spezialisierte Einheiten für Angriffe auf feindliche IT-Systeme aufstellen. Israels Armee hat vor wenigen Tagen erstmals offiziell erklärt, den Cyberspace für Spionagezwecke und bei Bedarf auch für Angriffe gegen Israels Feinde zu nutzen. Auch die Bundeswehr hat, wie jetzt bekannt wurde, eine Einheit für Cyberangriffe aufgestellt. Zudem berichten US-Medien, Präsident Barak Obama habe persönlich den Einsatz von „Stuxnet“ zur Sabotage des iranischen Atomprogramms befohlen. Wer den Flame-Virus entwicklet hat, eine der komplexesten aller bisher bekannten Spionagesoftware, die offenbar vor allem gegen den Iran und andere Ländern im Mittleren Osten eingesetzt wurde, ist bisher nicht geklärt. Kaspersky wollte sich nicht an Spekulationen dazu beteiligen.

Kaspersky spricht auf der Pressekonferenz in Tel Aviv

Kaspersky auf der Pressekonferenz in Tel Aviv

Kaspersky hält diese Aktivitäten für unverantwortlich. Zum einen fände ein Wettrüsten statt, sagt er.  „Bisher gibt es zwar noch nicht viele Staaten, die komplexe Waffen wie Flame entwickeln können“, sagte er. „Aber viele Staaten werden das erlernen wollen.“ Letztlich sei es eine rein finanzielle Frage, weltweit genügend professionelle Hacker zu rekrutieren, auch wenn es die im jeweiligen Staat selbst nicht gebe, warnte der Experte. Ein Programm wie „Flame“ zu schreiben, koste wahrscheinlich weniger als 100 Millionen Dollar, „vor allem für die Gehälter der Programmierer, für die Büroräume und Kaffeemaschinen“.

Zum anderen könnten Cyberwaffen nicht gezielt eingesetzt werden, sagte Kaspersky. „Ein Programm, das zur Sabotage eines bestimmten Kraftwerks bestimmt ist, kann auch jedes andere Kraftwerks vom selben Typ an jeden Ort der Welt treffen“, erklärte Kaspersky. „Es kann jeden von uns treffen.“ Deshalb sei das, was gemeinhin als „Cyberkrieg“ bezeichnet werde, seiner Meinung nach „Cyberterrorismus“.

Zwar könnten Staaten gefährdete Infrastruktur in begrenztem Maße gegen Viren schützen, indem sie sie mit speziellen sicheren Betriebssystemen und nicht mit herkömmlichen Systemen wie Windows-, Linux oder DOS betreiben. Gegen andere Arten von Attacken, wie etwa der Angriff, der 2007 Estlands gesamtes Internet lahmlegte, gebe es aber keine effektiven Verteidigungsmaßnahmen. Damit Cyberwaffen nicht weltweit das gesamte Internet zerstörten, müssten Regierungen dringend einschreiten. „Die Staaten müssen sich zusammentun und ein Abkommen schließen, wie sie es in der Vergangenheit etwa bei Nuklear- und biologischen Waffen getan hätten“, sagte Kaspersky. 

Harte Worte fand Kaspersky für sogenannte „Hacktivisten“ – Aktivisten, die aus politischen Gründen Computerangriffe gegen als bösartig wahrgenommene Regierungsinstitutionen, Unternehmen oder Banken durchführen. „Diese Aktivitäten sind der erste Schritt zum Terrorismus“, sagte Kaspersky. Zudem biete die Hacktivisten-Szene ein großes Reservoir für Staaten oder andere Akteure, die Fachleute für die Entwicklung gefährlicher Cyberwaffen rekrutieren wollen.

 

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