Aus Angst vor Esoterikern, Freimaurern, Teufelsanbetern und Juden am magischen Datum 11.11.2011 hat Ägypten für zwei Tage seine wichtigste Touristenattraktion dicht gemacht.
(veröffentlicht auf ftd.de am 11.11.2011)
Durch entschlossenes Handeln haben die ägyptischen Behörden in diesen Tagen großen Schaden von den Anwohnern nahe der Pyramiden von Gizeh und darüber hinaus vielleicht der ganzen Menschheit abgewendet. Davon sind zumindest viele Ägypter felsenfest überzeugt, die in den vergangenen Tagen in zahlreichen Kampagnen gegen angeblich für den 11.11. 2011 geplante wahlweise satanistische, jüdische, oder Freimaurerveranstaltungen protestiert hatten.
Der Aufruhr in ägyptischen Medien hatte derart hysterische Züge angenommen, dass sich die für Altertümer zuständige Behörde am Donnerstag ohne Vorankündigung entschloss, die berühmteste Sehenswürdigkeit des Landes, die große Cheopspyramide für zwei Tage komplett zu sperren. Offiziell hieß es, an den mehr als 4500 Jahre alten Bauwerken, dem einzigen erhaltenen antiken Weltwunder, sei plötzlich Sanierungsbedarf entdeckt worden. Sämtlichen teils lange im Voraus angemeldeten Besuchergruppen wurden zum Entsetzen ägyptischer Tourveranstalter abgesagt.
Unter den angemeldeten Besuchergruppen war tatsächlich eine esoterische Gemeinschaft, die im Rahmen einer weltweiten Meditationsveranstaltung auch am Fuße der Cheopspyramide meditieren wollte. Auf der Website der in Polen beheimateten Gruppe ist unter anderem von alten “Maya-Zeremonien”, “Kräften aus dem Inneren der Pyramide” und einem “intergalaktischen Netzwerk” die Rede.
Der streng muslimischen Mehrheit der Ägypter sind derartige esoterische Lehren, deren Anhänger sich schon immer von antiken ägyptischen Stätten angezogen fühlen, ohnehin ein Graus. In den Medien und auf zahlreichen Facebookseiten entwickelte die Geschichte allerdings immer groteskere Züge.
Das einflussreiche Bürgerjournalismus-Netzwerk “Rassd” etwa verbreitete bei Facebook Fotos angeblicher Freiermaurer-Rituale, wie sie bereits in den Pyramiden stattgefunden hätten und wieder geplant seien. Andere Medien wussten genau, dass 1200 Juden zur Cheopspyramide kommen wollten, und “mit dem Herzen nach Israel gerichtet” Rituale vollziehen würden. Anderen Berichten zufolge sollte ein Davidstern auf der Spitze der Pyramide installiert werden.
Zuletzt warnten am Donnerstag Demonstranten in Kairos Innenstadt auf Flugblättern vor einem Fest zur “Teufelsanbetung, das von der weltweiten Freimaurerbewegung organisiert wurde”. Das ganze “wird eine große Gefahr sein für alle Bewohner des Gebiets bei den Pyramiden”, hieß es.
Selbst die Nachricht von Donnerstagabend, dass die Altertumsbehörde die Pyramiden komplett abgesperrt hatte, konnte bei einigen Ägyptern den Verdacht nicht ausräumen, dass sich vielleicht doch im Schutz der Dunkelheit Freimaurer, Teufelsanbeter oder sonstige finstere Kräfte dort versammeln könnten.
Die Zeitung “al-Masry al-Yom” schickte ihre Reporter mitsamt einer “Volksdelegation” hin, um sicherzugehen. Am Freitag berichtete die Website der Zeitung: niemand weit und breit zu sehen. Selbst “Rassd” veröffentlichte inzwischen einen Widerruf und eine Entschuldigung. Bei den angeblichen Freimaurerfotos sei man offenbar einer Fälschung aufgesessen.
Hischam Hosni reicht diese Entschuldigung nicht. Gegenüber der Internetausgabe der staatlichen Zeitung “al-Ahram” (deutsch: die Pyramiden) sagte der Manager des in Berlin ansässigen Veranstalters “Lilly Reisen”, der Esoteriker zu dem Ereignis hatte einfliegen wollen, er werde Klage gegen die Medien erheben, die die falschen Gerüchte gestreut hätten.
