Das Ende der Tunnel

Mit dem Besuch des schillernden Emirs von Katar und seiner noch schillernderen Frau bei der Hamas in Gaza soll die Öffnung der Grenze zu Ägypten für den Güterverkehr einhergehen. Eine Katastrophe für Zehntausende, die direkt und indirekt vom Schmuggel lebten

Draußen ist schon alles für den hohen Besuch vorbereitet. Tausende Fahnen des Golfstaats Katar schmücken den Weg vom Grenzübergang Rafah zwischen Ägypten und dem palästinensischen Gazastreifen bis ins Zentrum von Gaza Stadt. Als erster Staatsgast überhaupt bei der von der radikalislamistischen Hamas-Partei geführten und international nicht anerkannten Regierung wird gleich der Emir Katars Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani nach Gaza kommen. „Danke Katar“, hat die Hamas auf riesigen Plakaten überall in ihrem Herrschaftsgebiet plakatieren lassen.

Doch in der Wohnung von Abu Jusuf nur wenige hundert Meter von der geschmückten Hauptstraße entfernt ist die Stimmung niedergeschlagen. Natürlich begrüße er, dass nicht nur der Emir und seine Frau, die glamouröse Sheicha Mosa, etwas Abwechselung in den Alltag des Küstenstreifens bringen. Die großen Infrastrukturprojekte, für die Katar mehrere Hundert Millionen Dollar investieren will, würden sicher helfen, die Wirtschaft anzukurbeln – vor allem weil Ägypten dafür die Grenze erstmals für den Güterverkehr öffnen wird. „Wir aber sind die Verlierer“, sagt Abu Jusuf.

Arbeitslos in Rafah: Mahmud, 23 (links), und Mahmud, 20, haben jahrelang in den Schmugglertunneln ihre Gesundheit auf's Spiel gesetzt. Nun werden sie nicht mehr gebraucht.

Arbeitslos in Rafah: Mahmud, 23 (links), und Mahmud, 20, haben jahrelang in den Schmugglertunneln ihre Gesundheit auf’s Spiel gesetzt. Nun werden sie nicht mehr gebraucht.

Abu Jusuf, der seinen vollen Namen nicht nennen will, hat viel Geld verdient in den vergangenen Jahren, während Gaza unter der weitgehenden Blockade durch Israel und Ägypten litt. Ihm gehört – gemeinsam mit Partnern – einer der mehr als Tausend Tunnel, über die Gaza mit Schmuggelgut aus Ägypten versorgt wurde. Nach dem israelischen Abzug aus dem Gazastreifen 2005, gehörte Abu Jusuf zu den ersten, die das lukrative Tunnelgeschäft entdeckten, als er rund 6000 Dollar für einen Anteil an einer der „Linien“, wie er es nennt, investierte.

Die große Bonanza der Tunnelbesitzer kam nach der Machtübernahme der Hamas 2007 und insbesondere nach der israelischen Invasion Ende 2008, Anfang 2009. In dem Palästinensergebiet fehlte es nahezu an allem. Israel ließ über seine Übergänge nur wenige überlebenswichtige Waren in den Streifen. Ägypten schloss die Grenze nahezu völlig. Über die Tunnel im Grenzort Rafah allerdings holten sich die Palästinenser, was sie brauchten, um zumindest auf Sparflamme mit dem Wideraufbau nach dem Krieg zu beginnen. Bis zu 10 000 Dollar Umsatz am Tag habe er gemacht vor allem mit dem Schmuggel von Baumaterial, erzählt Abu Jusuf mit glänzenden Augen. „16000 Menschen arbeiteten hier im Schichtbetrieb rund um die Uhr. Doch die Zeit der Tunnel ist vorbei.“

Die Hamas-Führung feiert den Besuch des Emirs und die Grenzöffnung als diplomatischen Coup. Doch die Zentausenden, deren Einkommen direkt oder indirekt von den Tunneln abhing sind entsetzt. Die Tunnel waren zuletzt der größte private Arbeitgeber in Gaza. Sie versorgten die 1,5 Millionen Einwohner mit günstigen Gütern, auch nachdem Israel in den vergangenen Jahren die Blockade etwas lockerte. Sie stellten auch für die Hamas eine wichtige Geldquelle dar. „Nichts verlässt die Tunnel unkontrolliert und unversteuert“, sagt Abu Jusuf.

In den vergangenen Monaten hat sich bereits viel geändert. Ägypten hat einen neuen, islamistischen Präsidenten. Im Zuge einer Annäherung haben die ägyptischen und die Hamas-Behörden bereits einen Großteil der Schmugglertunnel – darunter den von Abu Jusuf – geschlossen.

Der Besuch des Herrscherpaares aus Katars könnte das vollständige Ende der Tunnel einläuten. „Die Blockade ist nun endgültig gebrochen“, erklärt Ahmad Jusuf, ein enger Berater von Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija. Er hofft, dass bald weitere Staatschefs kommen. Katar hat der Hamas aber nicht nur aus ihrer diplomatischen Isolation geholfen, sondern auch aus der wirtschaftlichen. Für die angekündigten Bauprojekte des Golfstaats hat Ägypten sich bereiterklärt, erstmals seinen Grenzübergang nach Gaza für Güter zu öffnen. Die Hamas hatte das seit Jahren gefordert und versprochen, das Tunnelwesen im Gegenzug ein für allemal zu beenden. „Daran werden wir uns halten“, sagt Jusuf.

Mahmud ein 23-jähriger, ehemaliger Mitarbeiter von Abu Jusuf kann bereits jetzt kaum seine Frau und seine beiden kleinen Kinder versorgen. Seit gut vier Jahren arbeite er in den Tunneln, erzählt er. Er hatte nie einen anderen Job. „Wir haben jahrelang unser Leben riskiert und waren Gazas einzige Versorgungsquelle“, sagt Mahmud und zeigt zahlreiche Narben von Unfällen vor. Die Hamas sei ihnen etwas schuldig, findet er.

Die katarischen Projekte, der Ausbau der beiden Hauptverkehrsachsen im Gazastreifen und eine neue Siedlung mit mehr als 1000 Wohneinheiten, würden Tausende Arbeitsplätze schaffen, erzählt Hamas-Funktionär Jusuf. Ob das reichen werde, die arbeitslosen Tunnelarbeiter aufzunehmen, könne er aber nicht versprechen.

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Manche Palästinenser dürfen wieder wählen

Mit jahrelanger Verspätung findet in den Palästinensergebieten endlich wieder eine Wahl statt. Doch nur wenige dürfen mitmachen.

Mein Artikel aus der FTD  zu den Lokalwahlen im Westjordanland:

FTD vom 19.10.2012 zur palästinensischen Lokalwahl
FTD vom 19.10.2012 zur palästinensischen Lokalwahl

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Einzeller und Palästinenser

Was haben die ersten Einzeller auf der Erde einerseits sowie Konflikte wie der zwischen Palästinensern und Israelis andererseits gemeinsam? Aus Sicht der deutschen Forschungsförderung lässt sich beides - zumindest laut einer DPA-Meldung von heute -  unter dem Oberbegriff “Leben unter extremen Bedingungen” erforschen. 

DPA meldete, dass Bundesforschungsministerin Annette Schavan in Israel zwei Forschungszentren der deutsch-israelischen Minerva-Stiftung eingeweiht habe. “Beide Projekte befassen sich mit ,Leben unter extremen Bedingungen’”, heißt es. Später in der Meldung wird genauer erklärt: “Bei den neuen Minerva-Zentren handele sich um ein Forschungsvorhaben des Weizmann-Instituts in Rehovot zur Entstehung
des Lebens auf der Erde sowie um ein Programm der Universität Haifa zur Frage der Rechtstaatlichkeit unter extremen Bedingungen wie Naturkatastrophen oder kriegsähnlichen Konflikten”.

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Erntezeit in Palästina

Derzeit ist es kaum möglich, im Westjordanland an einem Olivenbaum vorbeizugehen, in, auf oder unter dem nicht ein Bauer, Kinder oder Frauen Oliven ernten. Zur politischen Bedeutung der Olivenernte für die Palästinenser und dem Konflikt darum ein andermal vielleicht mehr. Hier ein paar Bilder von einer Wanderung, was sonst im Moment noch geerntet wird im nördlichen Westjordanland:

Die Granatapfelsaison ist schon fast vorbei

Die Granatapfelsaison ist schon fast vorbei

Feigen. Sehen noch grün aus, sind aber schon reif und süß

Feigen. Sehen noch grün aus, sind aber schon reif und süß

Zitronen

Zitronen

Sabr, Kaktusfrüchte

Sabr, Kaktusfrüchte

Grüne Oliven

Grüne Oliven

Schwarze Oliven

Schwarze Oliven

Die Familie von Malik, einem Bauer aus Naqura in der Nähe von Nablus, besitzt unter anderem drei Oliven- und weitere Obstbäume. Hier pflückt er Feigen für uns

Die Familie von Malik, einem Bauer aus Naqura in der Nähe von Nablus, besitzt unter anderem drei Oliven- und weitere Obstbäume. Hier pflückt er Feigen für uns

Ohne Früchte geschenkt zu bekommen, kommt man derzeit kaum davon, wenn man an palästinenischen Plantagen vorbei wandert. Hier Zitronen von Malik aus Naqura.

Ohne Früchte zu bekommen, kommt man derzeit kaum davon, wenn man an palästinenischen Plantagen vorbei wandert. Hier Zitronen von Malik aus Naqura.

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Buchmesse in Ramallah

Angeblich ist es Zufall: Zur gleichen Zeit wie die Buchmesse in Frankfurt hat auch in Ramallah die “Internationale Buchmesse Palästinas” begonnen. Der Anspruch ist groß. Eröffnet wurde die Messe gestern vom palästinensischen Ministerpräsident Salam Fayyad. Über einhundert Aussteller wurden angekündigt. Der Inhalt ist aber eher bescheiden und damit leider recht repräsentativ für die heimische palästinensische Verlags- und Literaturszene. 

Verkaufsausstellung statt Fachmesse

Verkaufsausstellung statt Fachmesse

Statt eines Branchentreffpunkts, auf dem Neuerscheinungen und aktuelle Projekte vorgestellt werden, handelt es sich größtenteils um eine Verkaufsausstellung. Nachdrucke alter arabischer Klassiker, religöse (islamische und christliche) Erbauungsliteratur und diverse Ratgeber machen etwa 90 Prozent des Angebots aus. Die Messe richtet sich ausdrücklich an das einheimische Publikum. Präsentiert werden also fast nur arabische Bücher. International ist an der Messe, dass auch Aussteller aus Jordanien, Ägypten, Tunesien und sogar ein Verlag aus Sri Lanka angereist sind.

Hoher Besuch: Ministerpräsident Salam Fayyad macht bei der Eröffnung einen Rundgang

Hoher Besuch: Ministerpräsident Salam Fayyad macht bei der Eröffnung einen Rundgang

Nur wenige Verlage stellen allerdings Neuerscheinungen vor, und die stammen meistens aus anderen arabischen Ländern – manchmal auch von dort lebenden Palästinensern. In der Heimat fänden palästinensische Autoren kaum Möglichkeiten zu veröffentlichen, hat mir ein Schrifsteller aus Ramallah erzählt. Der palästinensische Markt sei zu klein. Wenn die Leute überhaupt läsen, dann meist ausländische Bücher.  Erfolgreich seien einige palästinensische Schriftsteller höchstens mit übersetzten Büchern oder welchen die gleich auf Englisch für eine ausländisches Publikum geschrieben werden. Die einheimische Branche ist winzig. 

Preiswert und geht immer: Arabische Klassiker. Hier ein Buch über Nagib Mahfuz

Preiswert und geht immer: Arabische Klassiker. Hier ein Buch über Nagib Mahfuz

Ein Buch etwa, das ich gekauft habe, ein neuer Historienschinken des in Jordanien lebenden Palästinensers Ibrahim Nasrallah, wurde im Libanon verlegt und wird im Westjordanland von einem arabischen Verlag aus Haifa in Israel vertrieben. Der Preis von umgerechnet 12 Euro ist für viele Palästinenser sehr hoch. Der x-te Nachdruck eines Naguib-Mahfuz-Romans oder Ghassan-Kanafani-Buches kostet natürlich viel weniger, religöse Literatur gibt’s sogar oft umsonst. Autoren, die vom Schreiben leben müssen, haben es da sehr schwer.

Kann einem den Spaß an jeder arabischen Buchmesse oder an jedem Buchladen verderben: Mein Kampf

Kann einem den Spaß an fast jeder arabischen Buchmesse oder an jedem Buchladen verderben: Mein Kampf

 

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Motorsport in Palästina

Der Siegerwagen des fünften und vorletzten Laufs der palästinensischen Meisterschaft in Jericho am vergangenen Freitag:

Der Siegerwagen von Jericho

Der Siegerwagen von Jericho

Das Rennen fand in Ermangelung einer Rennstrecke in der Westbank auf dem Hof der Universität von Jericho statt. Gewonnen hat Islam Abu Sariya aus Jenin. Details zum Rennen gibt’s hier. (Englisch hab ich leider nicht gefunden).

Die Siegerehrung

Die Siegerehrung

Die größte Attraktion waren allerdings die weiblichen Teilnehmer.  Die als “Speedsisters” bekannten Fahrerinnen sind das einzige weibliche Renn-Team in der arabischen Welt. Derzeit wird ein Film über sie gedreht.

Attraktion: "Speedsister" Nur Dawod

Attraktion: “Speedsister” Nur Dawod

Zur “Palestinian Motor Sport and Motorcycle Federation” gehören außer den Rennfahrern und der Motorradabteilung auch die Geländewagenfahrer vom Team “al-Jahafel 4×4″.  Die Gruppe, zu der insgesamt 60 Allradfahrzeuge (bzw. deren Besitzer) gehören, war am Freitag ebenfalls in Jericho unterwegs. Allerdings hauptsächlich außerhalb der Stadt, in der Wüste.

Jahafel 4x4 in der Wüste bei Jericho

Jahafel 4×4 in der Wüste bei Jericho

Palästinensische Geländewagen in einem trockenen Wadi

Die Mitglieder von “al-Jahafel”, die sowohl aus dem Westjordanland, Jerusalem als auch aus Israel kommen, machen mehrmals im Monat Touren im Westjordanland oder , soweit möglich, auch in Israel. “Missverständnisse” oder Ärger mit der Armee, wenn mehrere Dutzend Palästinerser mit ihren Geländewagen in die Nähe von Armeeposten kommen, seien an der Tagesordnung, erzählen die Fahrer.  Richtige Rallyes im Westjordanland können sie wegen der ganzen militärischen Sperrgebiete, Checkpoint etc. nicht machen. Im November wollen sie aber dennoch eine Meisterschaft im Geländewagenfahren veranstalten, die auf einem Rundparcours stattfinden soll.

Logo der "Jahafel" auf einer lädierten Motorhaube

Logo der “Jahafel” auf einer lädierten Motorhaube

Andere Fortbewegungsmittel in der Wüste

Andere Fortbewegungsmittel in der Wüste

 

 

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Der schrägste Ort

 Im Nahen Osten gibt es viele komplizierte, absurde Orte. Doch Ghajar gehört zu den schrägsten von allen. Das Dorf mit etwa 2000 Einwohnern liegt genau auf der “Blauen Linie”, der derzeit effektiven (an dieser Stelle nicht völkerrechtlichen) Grenze zwischen dem Libanon und Israel. Die Dorfbewohner stellen sich als syrische Alawiten vor, haben aber israelische Pässe, und leben in einem israelischen Sperrgebiet auf - teilweise - libanesischen Staatsgebiet.

Dass dieser Zustand gewisse Komplikationen und Einschränkungen für den Alltag mitbringt, kann man sich vielleicht vorstellen. Israel hat seine Nordgrenze mit einem Hightech-Sicherheitszaun mit Bewegungsmeldern, Kameras und sonstigem technischen Zeug und einem für Zivilisten gesperrten Sicherheitsstreifen gesichert. Obwohl in Ghajar israelische Staatsbürger wohnen, verläuft diese umfangreiche Sperranlage hier südlich des Dorfes. Im Norden wird das Dorf vom libanesisch kontrollierten Gebiet teilweise nur von einem Bach oder einen einfachen Zaun oder Erdwall getrennt. Die Nordgrenze in den Libanon zu überwinden, ist allerdings strengstens verboten. (Die Armee sagt: “Wir haben unsere Mittel und Technologie die Linie zu überwachen.”) Im Süden im Sicherheitszaun, gibt es einen einzigen hoch gesicherten Armeecheckpoint, den die Bewohner oder Besucher mit Sondergenehmigung des Militärs passieren dürfen.  

Ein Erdwall am Ortsrand markiert die Linie, wo die israelische Kontrolle endet und die libanesische beginnt. Die Grenze dagegen mitten im Ort ist unsichtbar.

Ein Erdwall am Ortsrand markiert die Linie, wo die israelische Kontrolle endet und die libanesische beginnt. Die Grenze dagegen mitten im Ort ist unsichtbar.

Die eigentliche Grenze mitten im Dorf ist unsichtbar. Sie spielt aber dennoch eine Rolle. Israelische staatliche Vertreter - außer dem Militär - passieren sie nicht. Das heißt zum Beispiel, die Polizei kommt nicht in den Nordteil des Dorfes, da dieser anders als die Südhälfte auch von Israel nicht als eigenes Staatsgebiet betrachtet wird. Teilweise, so wurde mir erzählt, weigern sich auch private israelische Firmen, Vertreter über die unsichtbare Grenze zu schicken, etwa Handwerker oder der Kundendienst für Haushaltsgeräte. Dann müsse ein defekter Kühlschrank schon mal eben in den Südteil von Ghajar gebracht werden, damit er repariert werden kann.

Wie es zu Ghajars Situation kam, ist natürlich auch eine komplizierte Geschichte. Die wichtigsten Stationen waren die, dass das Dorf seit der Demarkation der Kolonialgrenzen in den 30er Jahren südlich der syrisch-libanesischen Grenze lag. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 wurde es mit den Golanhöhen von Israel besetzt und später annektiert (das wurde international nicht anerkannt). Mit der israelischen Besetzung des Südlibanon verlor die Grenze an dieser Stelle später ihre Bedeutung und das Dorf breitete sich auf libanesisches Gebiet aus. 2000 wurde Ghajar im Zuge des Rückzugs Israels aus dem Südlibanon geteilt. Es wurde zu einem Brennpunkt des Schmuggels und zeitweise auch zum Schauplatz von Kämpfen zwischen Hisbollah und Israel. Nachdem letzten Libanonkrieg 2006 dagegen behielt Israel die Kontrolle über das ganze Dorf - auf Wunsch der Dorfbewohner. Denn die betrachteten sich als Syrer und wollen nicht zum Libanon gehören, sondern lieber zum syrischen Golan, auch wenn der unter israelischer Kontrolle ist.  Und schon gar nicht wollen sie, dass ihr Dorf geteilt wird.

Allerdings wollte oder konnte Israel seine High-tech-Sicherheitsanlage nicht auf die Nordseite des Dorfes auf libanesisches Territorium verlegen. So dass Ghajar, obwohl es nach israelischer Auffassung ja ein zumindes halb-israelisches, und jedenfalls nicht libanesisches Dorf ist, von Israel mit einem riesigen Zaun und von Libanon nur von einem Bach getrennt ist.  Trotz aller Bemühungen des Militärs gilt Ghajar auch heute noch als Zentrum des Drogenschmuggels vom Libanon nach Israel.

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Erstes Kraftwerk im Westjordanland und die Illusion von Unabhängigkeit

Mit großem Brimborium hat die Palästinensische Autonomiebehörde das erste Solarkraftwerk und damit das erste Kraftwerk überhaupt im Westjordanland, das Strom ins öffentliche Netz einspeist, eingeweiht. Bisher gibt es einige kleine (noch kleinere) Solarprojekte und natürlich viele Dieselgeneratoren, die aber nicht mit dem allgemeinen Stromnetz verbunden sind. Trotz dieses “historischen Datums”, wie Energieminister Omar al-Kitaneh das Ereignis würdigte, droht vielen Palästinensern in den kommenden Tangen oder Wochen der Blackout.

Das Solarfeld bei Jericho, das gab auch der Minister in seiner Festansprache zu, hat vor allem symbolischen Wert. Die Nennleistung beträgt gerade einmal 300 kW. Am Eröffnungstag war auch noch, was in der Wüstenstadt Jericho äußert selten ist, der Himmel bedeckt, und das Kraftwerk schaffte noch nicht einmal 100 kW. (Zum Vergleich: ein einzelnes modernes Windrad in Deutschland bringt es in der Regel auf mehr als 2 MW.)

Palästinas erstes Solarkraftwerk. Die Ausmaße sind noch bescheiden

Palästinas erstes Solarkraftwerk

Die historische Bedeutung liege darin, dass Palästina nun zu den Ländern gehöre, die professionell und komerziell aus erneuerbaren Energien Strom gewinnen, so al-Kitaneh. Als kommerziell kann das Projekt allerdings kaum durchgehen - wegen seiner Winzigkeit und weil es ausschließlich mit japanischen Entwicklungshilfegeldern bezahlt wurde.  Ein reiner Hoffnungswert ist daher auch die Ankündigung des Ministers, dass nun “in allen Gouvernoraten” zahlreiche solcher Kraftwerke, finanziert von privaten Investoren aus dem Boden schießen werden, da mit dem ersten Kraftwerk bewiesen sei, wie gut die Investitionsbedingungen für Solarenergie im Westjordanland seien. 

Die Situation bei der Stromversorgung im Westjordanland belegt derzeit weniger den Fortschritt beim Staatsaufbau hin zu “einem Leben in Unabhängigkeit und Freiheit für unser Volk”, wie Ministerpräsident Salam Fayyad bei der Eröffnungsfeier dichtete, sondern die existenzielle Krise der Autonomiebehörde und ihre völlige Abhängigkeit von Israel und ausländischen Geldgebern.  In den vergangenen Wochen gab es bereits wiederholt Demonstrationen gegen Fayyad und seine Regierung, die ihre Angestellten seit Monaten nicht mehr vollständig bezahlen kann. Gleichzeitig steigen die Kosten für Lebensmittel, Sprit und andere Dinge stark.  Die Behörde hat zwar einige Maßnahmen beschlossen, aber kann nichts davon bezahlen ohne zusätzliche Spenden von außen.

Unter bedecktem Himmel bleibt das Solarkraftwerk am ersten Tag weit unter seiner Nennleistungs von 300 kW

Unter bedecktem Himmel bleibt das Solarkraftwerk am ersten Tag weit unter seiner Nennleistungs von 300 kW. Man beachte den kleinen “From-the-people-of-Japan”-Aufkleber, der auch auf dem Monitor wie auf nahezu jedem Gegenstand hier klebt

Manche Palästinenser bei den Protesten sind sauer auf Premier Fayyad und dessen liberalen Wirtschaftskurs, viele sind aber vor allem desillusionliert von dem Projekt Autonomieverwaltung insgesamt, die ständig Pleite und aufgrund der Besatzung gar nicht die Möglichkeiten besitzt, die Lebensumstände ihrer Bürger zu verbessern.

In den kommenden Tagen droht Tausenden Palästinensern im Westjordanland und Ostjerusalem, der Strom abgestellt zu werden. Bei dem israelischen Stromerzeuger, von dem die Behördeneigene Firma JDEC den Strom für die Palästinensergebiete bezieht, sind Schulden von mehr als 100 Millionen Dollar aufgelaufen. Die Israelis haben schon mehere Deadlines immer wieder aufgeschoben, aber weder JDEC noch die Behörde können einen signifikanten Teil des Geldes aufbringen. Wenn die Israelis tatsächlich den Strom in großen Teilen des Westjordanlandes abstellen, dürfte das die Autonomiebehörde ihrem Zusammenbruch deutlich näher bringen. Die paar Kilowatt vom Solarkraftwerk helfen dann auch nicht weiter.

Die Israelis haben derzeit kein Interesse daran, die Behörde weiter zu schwächen, da sie im Falle von deren Zusammenbruch selbst die komplette Verwaltung des Westjordanlandes wieder übernehmen müssten. Daher lassen sie vielleicht noch eine Weile Gnade walten. Aber allein die wiederholte Drohung, den Strom zu kappen, dient als ständige Erinnerung an die völlig Abhängigkeit der Behörde, die nicht für ihre “Bürger” sorgen kann.  

Der Gouverneuer von Jericho, Energieminister al-Katani, Ministerpräsident Fayyad, und der Repräsentant Japans

Der Gouverneuer von Jericho, Energieminister al-Katani, Ministerpräsident Fayyad, und der Repräsentant Japans

Wolken spiegeln sich in den Solarpanels

Wolken spiegeln sich in den Solarpanels

Wüste: Das Solarkraftwerk liegt in einem Industriepark vor Jericho, bisher haben sich hier aber kaum Unternehmen angesiedelt

Wüste: Das Solarkraftwerk liegt in einem Industriepark vor Jericho, bisher haben sich hier aber kaum Unternehmen angesiedelt

Frisch enthüllte Gedenktafel zur japanisch-palästinensischen Freundschaft

Anmerkung: das einizige palästinensische Kraftwerk bisher, ein unter ständigem Ersatzteilmangel leidendes, unterdimensioniertes Dieselkraftwerk, steht im Gazastreifen.

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Gespielter Widerstand

Für das Stück, das die Aktivisten der Organisation “Combatants for Peace” hier vor den Dorfbewohnern von Ezbet Tabib im im Westjordanland aufführen, bedarf es kaum einer Übersetzung. Die Handlung ist leicht verständlich. Ein palästinensischer Bauer bestellt sein Land. Doch ein jüdischer Siedler zerstört die Felder, da hier aus seiner Sicht “das Land Israel” ist, und der Araber sich nicht einbilden soll, es gehöre ihm. Zudem fordert er, dass die Häuser und die Schule des Dorfes abgerissen werden, da sie eine Gefahr darstellten. Es kommt zum Handgemenge. Der Siedler ruft die israelische Armee zu Hilfe, die den palästinensischen Bauern festnimmt.

Dies entspricht genau dem, was in seinem Dort seit Jahren vor sich gehe, erzählt Musa Tabib, der Koordinator des örtlichen Volkswiderstandskomitees. Ezbet Tabib ist eines der vielen „illegalen“ Dörfer in den C-Gebieten, dem Teil des Westjordanlandes, der vollständig vom israelischen Militär verwaltet wird. “Illegal” bedeutet, dass diese Dörfer, obwohl sie meist vor Beginn der israelischen Besetzung gegründet wurden, für die Israelis offiziell nicht existieren, die Häuser keine Genehmigung haben, und viele grundlegende Dienstleistungen wie Schulen und Gesundheitsversorgung nicht gewährleistet sind. Im Fall von Ezbet Tabib seien 33 der 45 Häuser vom Abriss bedroht, inklusive der von den Palästinensern selbst gebauten Grundschule, erzählt Musa. Fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen seien durch den Bau des israelischen Sperrzaunes vor Jahren schon vom Dorf abgetrennt worden und weitere Flächen sollen nun für eine neue Schnellstraße enteignet werden. Regelmäßig käme es zu Übergriffen durch jüdische Siedler auf die Dorfbewohner.

Dutzende Dörfer in den C-Gebieten (gut 60 Prozent der Fläche) leiden unter ganz ähnlichen Problemen. Die EU etwa hat in diesem Punkt ihre Kritik an Israel deutlich verschärft in den vergangenen Monaten. Israel streitet das ab. Die Regierung verweist auf Anfrage darauf, dass die Bewohner der nicht anerkannten Dörfer sich schlicht nicht an den ordnungsgemäßen Planungsprozess gehalten hätten. Die Dörfer, die schon bei der Besetzung 1967 bestanden, aber keinen offiziellen Statut unter der jordanischen Verwaltung hatten, hätten diesen sofort bei den Israelis beantragen müssen. Anders als oft behauptet, sei dies möglich gewesen.

Viele der betroffenen Dörfer sind Flüchtlingsgemeinschaften, die aus dem heutigen Israel stammen. Die Familie Tabib, nach der Ezbet Tabib benannt ist, stamme aus der Nähe der heutigen israelischen Stadt Raanana, erzählt Musa (da alle hier den Familiennamen Tabib tragen, bleibe ich beim Vornamen). „Sie wollen uns hier vertreiben. Aber wo sollen wir hin. Das alte Land unserer Familie haben sie schon nach dem Krieg 1948 enteignet.“ Um die Zerstörung des Dorfes und weitere Enteignungen zu verhindern, haben die Bewohner jetzt eine „Reihe von Widerstandsaktivitäten“ gestartet, so Musa. Dazu gehörte das Theaterstück, sowie in Sit-in im Streikzelt im Dorf und regelmäßige Demonstrationen. Auch damit reiht sich Ezbet Tabib ein, in Dutzende Dörfer, die teils seit Jahren regelmäßig gegen Enteignungen durch Israel protestieren.

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Sexueller Missbrauch durch Ölfelder

Israelische Feministinnen nehmen die, noch junge israelische Ölindustrie ins Visier. Sie wittern “chauvinistische Botschaften” hinter der Bezeichnung von Ölfeldern und Bohrinseln mit weiblichen Namen wie “Sara” oder  “Myra”.  “(…) die Vergabe solcher Spitznamen verstärkt die Wahrnehmung von Frauen als Objekte zum Bohren und Penetrieren”.  Sie glauben, es könne kein Zufall sein, dass einige Leute gerade auf Frauennamen kommen, wenn sie an “Land zum Bohren” denken.

Die israelische Wirtschaftszeitung “Globes” wendet unter anderem ein, dass in einigen Fällen Geologen von ihnen entdeckte Öl- oder Gasvorkommen nach ihren Töchtern oder Enkelinnen benannt hätten. Was für Abgründe sich da auftun, wo ich zumindest sie nicht vermutet hätte.

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